Zuflucht statt Landflucht

Zuflucht statt Landflucht: eine „Landmarke“ im Flüchtlingsstrom

Die Wohnungssuche für Flüchtlinge in Stuttgart ist nahezu vergeblich. Die Gründe sind vielfältig, Alternativen rar. Neben den Flüchtlingsströmen ist die Landflucht ein weltweites Phänomen. Beide Bewegungen haben unser Land, unsere Region, unsere Stadt erreicht. Unzählige Initiativen sind entstanden, um dieser Entwicklung gerecht zu werden. Die Zahl der in der Flüchtlingshilfe engagierten Bürgerinnen und Bürger ist überwältigend und deren Angebote so vielseitig wie kreativ. Die Medien berichten wohlwollend und ausführlich über diese vielfältigen Aktivitäten. Die unzähligen Begegnungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen prägen zunehmend unseren Alltag.

Integration bedarf Nachbarschaft. Dazu aber fehlt es an entsprechendem Wohnraum in Stuttgart. Unweigerlich fällt der Blick auf den ländlichen Raum, der vom anhaltenden Wegzug, insbesondere junger Menschen geprägt ist. Das Problem ist längst erkannt und wird mit strukturpolitischen Verbesserungen des ELR (Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum) finanziell gefördert. Dabei sind die Bereiche Wohnen, Grundversorgung, Arbeiten, Gemeinschaftseinrichtungen und Verkehrsinfrastruktur besonders ins Auge gefasst.

Hier möchten wir mit unserer Initiative „Zuflucht statt Landflucht“ ansetzen. Dem Vorschlag, Flüchtlingen das Wohnen auch auf dem Land anzubieten, werden meist, ehe der Satz zu Ende gesprochen ist, heftigste Gegenargumente in den Weg geworfen, die das Weiterdenken ausschließen sollen. Deshalb seien vier von ihnen mit Gegenargumenten hier zuerst genannt:

Flüchtlinge ziehen es vor, in den Städten zu leben. Antwort: Das ist verständlich. Dennoch plant die Bundesregierung jetzt zurecht, eine Wohnortzuweisung für anerkannte Flüchtlinge für eine gewisse Zeit zu Beginn des Eingliederungsprozesses.

Ausländer wollen doch – gerade in der Fremde – mit Ihresgleichen beieinander sein. Antwort: Deshalb sollten sie auch in Gruppen in die Dörfer vermittelt werden.

Ausländer finden auf dem Land keine Arbeit. Antwort: Die Industrie ist da schon einen Schritt voraus und plant, den ländlichen Raum mehr und mehr in den Blick zu nehmen (z.B.Bosch/Porsche usw.) Der Öffentliche Nahverkehr ist ebenfalls dabei, den ländlichen Raum in der Verkehrsplanung künftig mehr zu berücksichtigen.

In den Dörfern fehlt es an Begegnungsmöglichkeiten z.B. Läden, Gasthäuser und Begegnungsstätten. Antwort: Eventuell haben junge Ausländer Interesse, eine Cafeteria, einen Falafel-Stand, einen Gemüseladen o.ä. einzurichten, oder gar die leerstehende Bäckerei zu reaktivieren. Gemeinschaftsgefühl und Nachbarschaft können bei solchem Zusammenwirken entstehen.

„Zuflucht statt Landflucht“ soll bewusst nicht ausschließlich eine Initiative für Flüchtlinge sein, sondern einen Ausgleich zwischen städtischer und ländlicher Struktur ins Auge fassen, der Fehlentwicklungen hierzulande entgegenwirkt. Dabei soll auch an bereits bestehende Initiativen wie z.B. ELR (s.o.) angeknüpft werden. Die Defizite der Landflucht und damit einhergehend der Urbanisierung in unserer Gesellschaft sind inzwischen weitgehend erkannt und bedürfen innovativer und kreativer Neuansätze der entwicklungspolitischen Planung.

Die Zuwanderung von Flüchtlingen bietet dabei einen neuen, weiterführenden Impuls. „Zuflucht statt Landflucht“ versteht sich nicht als Königsweg zur Lösung der Flüchtlingsnot, sondern als eine flankierende Maßnahme neben anderen. Zudem wird es ein längerer Prozess sein, die dazu nötigen Schritte vorzubereiten.

„Zuflucht statt Landflucht“ schlägt deshalb vor, die Eigentümer leerstehender Wohnungen bzw. Häuser auf dem Lande zu bewegen, diese an Flüchtlinge zu vermieten oder langfristig gar zu verkaufen. Flüchtlingen sollte das Angebot gemacht werden, solche Wohnräume – natürlich unter fachkundiger Anleitung – etwa durch den SES (Senior Expert Service) selber zu renovieren, wobei die Materialien unserer Meinung nach zur Verfügung gestellt werden sollten. Dabei könnte u. U. auf vorhandene, inzwischen eingestellte Handwerksbetriebe zurückgegriffen werden, um bei der Versorgung mit Handwerkszeug und Bau- bzw. Renovierungsmaterial behilflich zu sein. Sicher besteht auch da und dort noch die Bereitschaft von Ruheständlern aus der Handwerkerschaft, den Neubürgern hilfreich zur Seite zu stehen. Auch leerstehende Bauernhöfe bzw. Aussiedlerhöfe sollten bei solchen Überlegungen berücksichtigt werden. Darüber hinaus könnte in dem einen oder anderen Fall in Aussicht gestellt werden, mit günstigen Krediten, solche Immobilien langfristig zu erwerben. Dazu ist ein Förderprogramm seitens der Bundesregierung erforderlich.

Grundsätzlich will die Initiative „Zuflucht statt Landflucht“ von Anfang an bei allen Renovierungs- und Baumaßnahmen ökologische und energiepolitische Gesichtspunkte und Vorschriften berücksichtigen. Details dazu werden getrennt benannt werden.

Die Initiatoren von „Zuflucht statt Landflucht“ erhoffen sich weitere Informationen über ähnliche Initiativen zum Gedankenaustausch und bitten um deren Anschriften bzw. die Nennung von Kontaktpersonen. Darüber hinaus möchten wir das Staatsministerium bitten, unser Anliegen an die entsprechenden Stellen bzw. Gremien weiterzuleiten, oder uns deren Anschriften zu nennen.

Manfred Schmitz, Richter a.D.
Dr. Michael Zeiß, ehemaliger Chefredakteur SWR Fernsehen
Karl Humpfer, Malermeister
Udo Breiderhoff, Dipl. Architekt
Nabil Najjar, Dipl. Bauingenieur
Martina Schaff, Soziolgin

Ulrich Kadelbach, Pfarrer i. R.
Happoldstr. 50
70469 Stuttgart