Interview mit Danijela Utjesanovic, Bubenhalde – Fortsetzung

Frust hatten wir schon manchmal mit dem „bürokratischen Irrsinn“, wie es mal ein Kollege nannte, das letzte Jahr war ziemlich turbulent für alle Behörden, jetzt wird vieles nachgeholt, was auf der Strecke geblieben ist im letzten Jahr wegen der hohen Zugangszahlen.

FFF: Wo hat es besonders geklemmt?
D: Hier in der Stuttgarter Ausländerbehörde, es hakt bei der Terminvergabe, die total undurchsichtig ist, die Aufenthaltsgestattungen werden zu langsam verlängert, es laufen Leute mit Ausweisen rum, die abgelaufen sind. Bei der nur ein Jahr gültigen Fiktionsbescheinigung, also dem Dokument, das gültig ist, bis der Pass ausgestellt wird, ist es auch ein Riesenproblem, dass kein Passbild drauf ist, was dann bei anderen Behörden Schwierigkeiten macht, z. B. bei der Kontoeröffnung oder beim Job-Center. Bei der Beantragung des Wohnberechtigungsscheins hakt es, weil die Flüchtlinge eine Aufenthaltserlaubnis von mehr als einem Jahr vorweisen müssen, das aber in der Fiktionsbescheinigung nicht vermerkt ist. Diese Bescheinigungen werden auch nur für ein Jahr ausgestellt, dabei ist die Aufenthaltsgenehmigung doch für drei Jahre gedacht.

FFF: Wie läuft der Arbeitstag für Sie ab?
D: Start ist morgens um neun, Post durchsehen. Die Leute warten natürlich vor allem auf Schreiben vom Bundesamt, dann wird die Post verteilt, dann die Mails checken, dann werden die einzelnen Fälle bearbeitet, also z. B. wie die Kinder einer alleinstehenden Mutter in den Ferien versorgt werden können, vielleicht nach einer Einzelbetreuung für behinderte Kindern suchen, Arzttermine vereinbaren, nachhaken beim Bundesamt nach dem Stand der Asylverfahren.

Wir versuchen den Flüchtlingen Arbeit oder Ausbildung zu vermitteln, wobei hier zum Glück eine Arbeitsgruppe im FFF uns super unterstützt. Im letzten Jahr stellte sich die Frage nach Arbeit und Ausbildung eigentlich nicht, es hat eben gedauert, bis die Flüchtlinge selber sagten, jetzt bin ich bereit dafür. So läuft jetzt auch ein Projekt mit angehenden Führungskräften von Bosch, die einmal pro Woche mit den Flüchtlingen Lebensläufe schreiben und Vorstellungsgespräche einüben, zeigen, wie man sich zu verhalten, zu kleiden hat. Das alles wird jetzt erst relevant, weil natürlich auch die Zahl der Anerkennungen gestiegen ist.

FFF: Wie viele sind anerkannt?
D: Rund 40 Personen sind anerkannt, trotzdem leben die meisten noch hier.

Und wie sieht der Tagesablauf der Flüchtlinge aus?
D: Mütter betreuen ihre Babys, manche Väter gehen arbeiten, wir haben zwei Azubis, die nach ihrem Praktikum in einem Malerbetrieb jetzt ihre Ausbildung beginnen, die sieht man eigentlich nur abends, wenn sie nach Post vom Bundesamt fragen. Manche machen hier in der Unterkunft gemeinnützige Jobs, das wird von der Stadt finanziert, bisher gab es 1,05 Euro pro Stunde. Jetzt wurde das gekürzt auf 80 Cent. Das ist meiner Meinung nach unwürdig. Wer von uns würde für diesen Lohn arbeiten?

Viele gehen in städtische Deutschkurse oder in die Integrationskurse, die jetzt angelaufen sind. Von den 84 Erwachsenen, die wir jetzt hier haben, hatten schon 34 solche Kurse, die von der Stadt finanziert werden.

FFF: Wie steht es um die Integration der Flüchtlinge aus der Bubenhalde in Feuerbach?
D: Ich glaube, es läuft gut, aber man sollte vorsichtig sein, wenn man von Integration spricht, denn Integration ist ein sehr, sehr langer Prozess. Wir können erst in fünf, sechs oder sieben Jahren von Integration sprechen.

Wenn wir z. B. junge Iraker fragen, was habt ihr am Wochenende gemacht, in welche Clubs geht ihr denn, dann sagen die, wir kommen gar nicht rein. Die werden stigmatisiert, wenn sie ihre Ausweise zeigen, man denkt, das ist ein Flüchtling, und der wird vielleicht Probleme machen, und dann kommen die nicht rein. Das wäre auch ein Stück Integration, wenn junge Flüchtlinge das in ihrer Freizeit tun könnten, was andere Teenager eben auch tun.

Was gut funktioniert, ist die Kooperation mit der Sportvereinigung. Ich selbst war letzten Freitag mit Fußball spielen. Die Frisbee Gruppe funktioniert gut, da machen auch junge Feuerbacher mit, so lassen sich auch Freundschaften bilden. Frauen treffen sich regelmäßig in einem Frauen-Café der Evangelisch methodistischen Gemeinde. Die tauschen sich aus, unterstützen sich.

Wir haben Hausaufgabebetreuung, Kinderbetreuung. Es fehlen allerdings junge Leute, die die Flüchtlings-Jungens mal mit rausnehmen, sich mit denen in eine Bar setzen oder ins Kino gehen, eben das, was ich am Wochenende so mache. Einige sind schon selbstständiger, die organisieren sich alleine, aber viele sind zurückhaltender, die wissen nicht so recht, wie man sich verhalten soll, auch z. B. einer Frau gegenüber, Umarmungen, dass ich die Hand gebe, da müssen die sich erst mal herantasten.

FFF: In einer Unterkunft ist nicht alles eitel Sonnenschein, wann gibt es auch manchmal Ärger und Streit?
D: Manchmal aus ganz banalen Gründen. Alle drei Tage kommt jemand und beschwert sich, da hat sich jemand nicht an den Putzplan gehalten. Da sieht es aus wie Sau, da hat jemand nicht richtig geputzt, das passiert in jeder Studenten-WG, das lässt sich schnell lösen.

Was mich ein bisschen nervös macht oder aufregt, sind religiöse Diskriminierungen. Es gab Fälle während des Ramadans, wo sich sogar Kinder gegenseitig beschimpft und beleidigt haben, wer denn der richtige Moslem sei. Und auch nach einigen Ruhestörungen haben wir dann in einer großen Versammlung allen klar gemacht, dass wir für alle da sind und Intoleranz nicht dulden, wir allen Schutz bieten wollen und in Deutschland Religionsfreiheit herrscht. Und dass das hier unter den Flüchtlingen auch zu akzeptieren ist, ob einer nun Ramadan macht oder nicht und dass es um friedliches Zusammenleben geht.

FFF: Wie ist das Zusammenleben mit der Nachbarschaft der Flüchtlingsunterkunft?
D: Wir sprechen immer wieder mit den Nachbarn und denen ist es wichtig zu sagen, wir wollen nicht immer die Polizei holen. Die wollen auf keinen Fall in die Ecke AFD oder so was gedrängt werden. Ihnen war es eben nur wichtig, dass abends ab etwa 22 Uhr Ruhe herrscht. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Wenn ich abends nach Hause gehe und schlafen will, will ich es auch ruhig haben. Das haben wir versucht zu regeln, auch mit dem Security-Dienst, der einige Zeit tätig war, und seitdem gab es eigentlich keine großen Beschwerden mehr.

FFF: Gibt es radikale Beeinflussung in der Unterkunft?
D: Ich glaube, Panikmache bringt hier nichts, ich rate zu Gelassenheit. Es gab zwei Anzeigen bei der Polizei, die sich dann in Luft aufgelöst haben. Wir sind von Anfang an wachsam, wer hier aus- und eingeht, und zuerst wollen wir die Leute immer kennen lernen Wir hören auf die Nachbarschaft und die Ehrenamtlichen, die sich ja in Feuerbach viel besser auskennen als wir Zugezogenen, und wir vertrauen natürlich auch darauf, was die Polizei macht.

FFF: Zum Schluss – Ihre Wünsche an die Stadt, die Flüchtlinge und den FFF?
D: Die Stadt muss was gegen die Wohnungsnot tun. Integration lässt sich in Massenunterkünften nicht verwirklichen. Und der Betreuungsschlüssel muss verbessert werden. Die Arbeit ist so vielfältig, dass wir Sozialarbeiter es nicht schaffen. Ich finde es fatal, dass die Stadt davon ausgeht, dass die Ehrenamtlichen machen müssen, was wir nicht bewältigen können, wie z.B. bei den Deutschkursen. Und was die Qualität bei den Deutsch- und Integrationskursen angeht, frage ich mich auch manchmal, ob die wirklich gut ist, weil die Lehrkräfte wegen der vielen Teilnehmer auch mächtig unter Druck stehen.

Für die Flüchtlinge mit subsidiärem Schutz ist die Familienzusammenführung ausgesetzt worden. Da wünsche ich mir Erleichterungen. Und nur ein Jahr Aufenthaltsgenehmigung, das finde ich krass. Und bei den Flüchtlingen selbst finde ich, deren Kinder geraten etwas in Vergessenheit, da fehlt schon oft die Beaufsichtigung, da wissen wir nicht, erwarten die Eltern von uns, dass wir auch als Erzieherinnen tätig sind.

Manche Eltern nehmen es mit der Kindererziehung nicht so ernst, habe ich den Eindruck. Aber vielleicht übererziehen wir unsere Kinder auch und meinen nur, bei den Flüchtlingen sei das alles etwas larifari. Beim FFF sind wir total gut aufgestellt, wir wissen sofort, wer für was Ansprechpartner ist, und die Leute zeigen einfach unermüdliches Engagement.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Michael Zeiß